Oktober 2017

171002

ENERGIE-CHRONIK


 


Atdorf war als Kavernen-Kraftwerk geplant, bei dem die Pumpturbinen direkt unter dem Oberbecken liegen und über einen senkrechten Schacht mit den Wassermassen beschickt werden.
Grafik: Schluchseewerk AG

EnBW verzichtet auf Pumpspeicherkraftwerk Atdorf

Die Energie Baden-Württemberg (EnBW) verzichtet auf den Bau des Pumpspeicherkraftwerks Atdorf, das die Schluchseewerk AG im Südschwarzwald errichten wollte. "In den vergangenen Jahren haben sich weder die energiewirtschaftlichen noch die regulatorischen Rahmenbedingungen für Pumpspeicherkraftwerke wie Atdorf positiv entwickelt", begründete der südwestdeutsche Energiekonzern am 11. Oktober seinen Rückzug.

RWE stieg schon vor drei Jahren aus dem Projekt aus

Die Schluchseewerk AG gehört jeweils zur Hälfte den Energiekonzernen EnBW und RWE. Ursprünglich handelte es sich bei Atdorf um ein gemeinsames Projekt. RWE hat sich aber vor drei Jahren zurückgezogen. Seitdem hielt nur noch die EnBW an dem Vorhaben fest, das sich seit 2008 in der Planung befand und für das im Januar dieses Jahres eine öffentliche Anhörung stattgefunden hat.

Mit Atdorf hätte der Schluchsee-Komplex eine Kapazität von 3236 MW erreicht

Die Schluchseewerk AG verfügt im Südschwarzwald über fünf Pumpspeicherkraftwerke mit einer Gesamtleistung von 1836 MW. Das ist schon jetzt der größte Pumpspeicher-Komplex in Deutschland. Mit Atdorf wären weitere 1400 MW hinzugekommen. Das Projekt sollte in Verbindung mit den bereits bestehenden Anlagen im "Hotzenwald" am Südhang des Schwarzwalds bei Bad Säckingen errichtet werden. Der Höhenunterschied zwischen Ober- und Unterbecken hätte etwa 600 Meter betragen. Zur Füllung der Becken hätte unter anderem der nahegelegene Hochrhein benutzt werden können.

Kavernen-Kraftwerk sollte direkt unter dem Oberbecken liegen

Eine technische Besonderheit des Projekts bestand darin, daß das Maschinenhaus nicht am Unterbecken, sondern tief unter der Erde in einer Kaverne errichtet werden sollte. Die Kaverne hätte sich etwa 700 Meter direkt unterhalb des Oberbeckens befunden, so daß die Pumpturbinen über einen senkrechten Schacht mit den herabstürzenden Wassermassen aus dem Oberbecken beschickt worden wären (siehe Grafik).

Im liberalisierten Strommarkt sind auch Bestandsanlagen kaum noch rentabel

Das Projekt wäre sicher sinnvoll gewesen, um die zunehmende Einspeisung aus den fluktuierenden Stromquellen Wind- und Solarenergie besser bewältigen zu können. Im liberalisierten Strommarkt wird jedoch die Vorhaltung von Pumpspeicherkapazitäten für die zeitliche Verschiebung zwischen Stromerzeugung und -verbrauch nicht honoriert, sondern eher belastet. Auch längst abgeschriebene Bestandsanlagen können deshalb heute eigentlich nur noch dann rentabel arbeiten, wenn sie in spekulativer Weise zur Ausnutzung von Schwankungen des Börsenstrompreises betrieben werden (siehe Hintergrund August 2014). Die Bereitstellung von Regelenergie, für die sie ursprünglich mal errichtet wurden, lohnt sich dagegen nicht, weil Kohle- und Gaskraftwerke unter Ausnutzung ihrer Regelbarkeit mit niedrigeren Gestehungskosten konkurrieren können. Der Überhang an konventioneller Kraftwerkskapazität behindert so die notwendige Umstellung auf erneuerbare Stromquellen gleich in zweifacher Weise.

Politik will Netzbetreibern keine eigenen Regelkraftwerke zugestehen

Der Neubau von Pumpspeicherkraftwerken gerät erst recht zu einem finanziellen Abenteuer. Die Investitionskosten für Atdorf wurden mit vorläufig 1,6 Milliarden Euro veranschlagt. Diese Kosten hätten sich schwerlich amortisieren lassen, solange die Rahmenbedingungen des Strommarktes mehr an neoliberalen Dogmen als an technischen Notwendigkeiten orientiert sind: Ein Vorstoß des Bundesrats, den Netzbetreibern auch Besitz und Betrieb von Pumpspeicherkraftwerken zu erlauben, blieb bereits im Ansatz stecken (151212). Und der neu ins Energiewirtschaftsgesetz eingefügte 13k, der es den Netzbetreibern ermöglicht hätte, eigene "Netzstabilitätsanlagen" zu besitzen und zu betreiben (170204), wurde schon nach einem Jahr wieder gestrichen (170604).

Vattenfall will vier von acht Pumpspeicherkraftwerken stillegen

Der Vattenfall-Konzern hat seine ostdeutschen Pumpspeicherkraftwerke wie sauer Bier als Dreingabe angeboten, als er nach einem Käufer für sein Braunkohlegeschäft suchte (150902). Im Unterschied zu den 13 Braunkohle-Blöcken und dazugehörigen Tagebauen waren die Wasserkraftwerke aber nicht umsonst zu haben. Der tschechische EPH-Konzern, der den Schweden die Braunkohle-Lasten samt einem kräftigen Aufgeld abnahm, zeigte deshalb an diesem Teil des Angebots kein Interesse (160401). Vattenfall beschloß daraufhin, von seinen insgesamt acht Pumpspeicherkraftwerken die unrentabelsten stillzulegen. Im Juni dieses Jahres wurde für die Anlagen in Geesthacht und Niederwartha offiziell das Aus verkündet. Dasselbe Schicksal steht noch Bleiloch und Hohenwarte 1 bevor (170610).

Einsprüche von Naturschützern und Landwirten

Unter diesen Umständen war es aus Sicht der EnBW ratsamer, die rund 80 Millionen Euro an Planungskosten für Atdorf einfach abzuschreiben, anstatt das Planfeststellungsverfahren weiter zu betreiben. Ein weiterer Faktor, der zum Rückzug beigetragen hat, war der Widerstand von Naturschützern: Gegen das Großprojekt wurde unter anderem eingewendet, daß es die Schwarzwald-Landschaft beeinträchtige oder die Trinkwasserversorgung der umliegenden Gemeinden gefährde. Landwirte machten mobil, weil sie nicht bereit waren, ihre Grundstücke abzutreten bzw. gegen andere Flächen zu tauschen.

 

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