März 2021

210307

ENERGIE-CHRONIK


 


Bonus-Angebote lohnen sich für den Verbraucher nur, wenn er sie unter penibler Einhaltung der oft sehr trickreichen Konditionen rechtzeitig kündigt. Dann zieht er den Anbieter über den Tisch statt umgekehrt.
Grafik: vzbz

Wechselwillige Kunden werden schon jetzt von Energielieferanten häufig abgelehnt

Schon jetzt werden Neukunden von Energielieferanten trotz guter Bonität immer wieder als Vertragspartner abgelehnt. Betroffen sind vor allem wechselwillige Kunden, die sich jedes Jahr einen neuen Tarif suchen. Dies ist das Ergebnis einer Untersuchung, die der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) am 9. März veröffentlichte (siehe PDF). Es unterstreicht die Warnungen vor einem erweiterten Zugriff auf Verbraucherdaten, wie ihn die Schufa und andere Auskunfteien über eine "freiwillige" Zustimmung der Betroffenen erreichen wollen (210113, 200916).

Im Rahmen einer Expertenbefragung hat der vzbv ermittelt, "ob den relevanten Akteuren das Problem bekannt ist und welche Maßnahmen bisher ergriffen wurden". Dazu wurden 37 ausgewählte Experten aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Verbraucherschutzorganisationen kontaktiert und um Teilnahme an der Befragung gebeten. Die Ergebnisse (18 Rückmeldungen) sind aus Sicht der Verbraucher enttäuschend: Sie weisen darauf hin, dass von der Problematik, als Kunde abgelehnt zu werden, nicht nur einzelne Verbraucher betroffen sind. Das Problem ist auch den teilnehmenden Landesdatenschutzbeauftragten bereits bekannt. Trotzdem fehlt es bislang an Maßnahmen, um dieses Vorgehen der Energielieferanten wirksam einzudämmen.

"Der Kampf um Kunden auf dem liberalisierten Energiemarkt nimmt absurde Züge an"

"Energieunternehmen wälzen ein Problem auf die Verbraucher ab, das sie selbst verursachen", stellt der Verband dazu fest. Betroffen seien insbesondere wechselwillige Kunden, die sich jedes Jahr einen neuen Tarif suchen. Es liege der Verdacht nahe, "dass Energielieferanten bewusst Verbraucher ausschließen, die zum Ende der Mindestvertragslaufzeit kündigen, um von einem neuen Bonusangebot zu profitieren". Mit der zunehmenden Zahl an abgelehnten Wechselkunden sehen die Verbraucherschützer "ein neues strukturelles Problem im Energiemarkt" entstehen.

"Der Kampf um Kunden auf dem liberalisierten Energiemarkt nimmt absurde Züge an", resümierte Thomas Engelke, Teamleiter Energie und Bauen beim vzbv. "Wir haben nun die ärgerliche Situation, dass Energieanbieter mit Bonustarifen um besonders preisbewusste Kunden werben. Wenn die Verbraucher diese Angebote dann aber regelmäßig wahrnehmen wollen, werden sie immer wieder von den Energieunternehmen abgelehnt."

Bonusangebote rechnen sich für Verbraucher auf Dauer nicht

Gerade Bonusangebote sind für die Unternehmen erst nach einer gewissen Laufzeit rentabel. Für die Verbraucher rechnen sich diese Tarife aber auf Dauer nicht, wie der vzbv in einer umfassenden Untersuchung feststellte, die er vor einem Jahr veröffentlichte (siehe PDF). Diese Studie kam zu dem Ergebnis, dass knapp ein Viertel aller Tarife, die im Ranking der Vergleichsportale an vorderster Stelle aufgelistet werden, defizitär sind und damit dem Anbieter in den ersten Jahren keinen wirtschaftlichen Nutzen bringen. Die Amortisationszeit für die Investitionen der Neukundenakquise kann sogar bis zu neun Jahre betragen.

"Sie haben schon zu oft zu uns gewechselt"

Mit den folgenden Fällen aus dem Frühwarnnetzwerk der Verbraucherzentralen illustriert der vzbv die Situation aus Verbrauchersicht. Immer wieder werden die Kunden ohne nähere Begründung abgelehnt:

"Nachdem ich meinen bisherigen Gasanbieter zum 31.12.2018 gekündigt habe, wollte ich auf der Homepage von [Name des Energielieferanten] einen neuen Gasliefervertrag ab 01.01.2019 abschließen. Zunächst bekam ich eine Bestätigung für meine Tarifbestellung ab dem gewünschten Datum. Kurze Zeit später aber folgte die Ablehnung der Energiebelieferung mit dem Satz: "Die Voraussetzungen für eine Auftragsannahme sind aktuell leider nicht erfüllt. Ihren Auftrag müssen wir daher zum jetzigen Zeitpunkt ablehnen."

Den Grund für die Ablehnung erfahren Verbraucher allenfalls informell:

"Vor zwei Tagen habe ich meinen Stromanbieter wechseln wollen. Dazu wollte ich wieder zu [Name des Energielieferanten] wechseln. Und siehe da, es wurde abgelehnt meinen Strom zu liefern. Begründung der Kundenbetreuung. Sie haben schon zu oft zu uns gewechselt. (…)"

Aufgrund von wiederholten Ablehnungen landen Verbraucher zeitweise sogar in der teuren Grundversorgung und müssen viel Zeit investieren, um einen neuen Anbieter zu finden:

"Mittlerweile befinde ich mich beim 3. Versuch, bei einem Stromanbieter angenommen zu werden. Die ersten beiden haben ohne Angaben von Gründen (…) abgelehnt. Ich versichere ihnen, dass ich in der Vergangenheit noch nie einen Zahlungsverzug hatte. (…) Wenn ich von niemandem angenommen werde, bin ich gezwungen zu meinem wesentlich teureren Grundversorger zu wechseln (…)."

Zum Teil werden Vertragsanfragen wechselwilliger Verbraucher von Energielieferanten auch schlicht ignoriert. Wenn der Verbraucher seinen bestehenden Vertrag zu dem Zeitpunkt schon gekündigt hat, verliert er hierdurch wertvolle Zeit, sich einen neuen Anbieter zu suchen und die Grundversorgung zu umgehen:

"… stellt sich tot und [das Vergleichsportal] verweist auf Datenschutz. Wer da unerfahren ist als Kunde macht so etwas einmal und nie wieder, weil er Angst bekommt aus der Versorgung zu fallen..."

Die Beschwerden zeigen zudem immer wieder, dass Verbraucher sich Informationen dazu wünschen, warum der Wechsel abgelehnt wird:

"Wenn schon ein Vertrag nicht gewünscht wird, so fordere ich eine eindeutige und transparente Angabe von Gründen für diese Entscheidung der Firma."

Ein selber in der Energiebranche tätiger Leser schrieb der ENERGIE-CHRONIK zu diesem Thema:

"Ich trete seit 15 Jahren jedes Jahr oder jedes zweite Jahr mit meinen Strom- und Gaslieferanten in Verbindung, um die Preise neu zu verhandeln oder einen Wechsel vorzunehmen (Einfamilienhaus). Bisher hatte ich nie Probleme einen neuen Lieferanten zu finden. Beim letzten Wechsel 2020 zu 2021 haben nacheinander drei Lieferanten meine Angebotsanfrage mit fadenscheinigen Argumenten abgelehnt. Die einzig stichhaltige Begründung war, dass sie nicht zu einer Belieferung verpflichtet seien. Meine Anfrage bei der Schufa ergab eine Bonität von 99,5%. Daran kann es also nicht gelegen haben."

 

 

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