September 2022

220901

ENERGIE-CHRONIK




Dieses Foto der schwedischen Küstenwache wurde am Tag nach dem Sabotageanschlag vom Flugzeug aus aufgenommen. Es zeigt, wie das Erdgas aus einem der beiden Löcher in der 88 Meter tiefer gelegenen Pipeline quillt. Der Durchmesser des Lecks wird mit fast einem Kilometer angegeben.
Foto: Kustbevakningen

Putin schlägt jetzt wild um sich – Nord Stream 1 und Nord Stream 2 gesprengt

Der schon sieben Monate andauernde Ukraine-Krieg erreichte im September eine neue Stufe der Eskalation. Mit der Rückeroberung besetzter Gebiete durch die Ukraine und der offenkundigen Schwäche des russischen Militärs ist auch der Kreml-Diktator Putin in die Defensive geraten. Das macht ihn allerdings keineswegs weniger gefährlich, weil er nun umso wilder um sich schlägt. Am 21. September ordnete er eine russlandweite "Teilmobilmachung" an, um zunächst 300.000 Rekruten für seinen Krieg in der Ukraine zwangsweise einziehen zu können. Tags zuvor kündigte er "Referenden" für die besetzten Teile der Gebiete Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja an, bei denen sich bis 27. September angeblich 96 Prozent der Einwohner dieser Gebiete für die Eingliederung nach Russland aussprachen. Mit der Scheinabstimmung will Putin einen Vorwand schaffen, um die Rückeroberung weiterer Gebiete durch die Ukraine als völkerrechtswidrigen Angriff auf russisches Gebiet darstellen zu können. Zugleich will er damit eine Rechtfertigung schaffen, um gegen die Ukraine auch taktische Atomwaffen einzusetzen oder zumindest damit zu drohen.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) charakterisierte Putins Mobilmachung als "Akt der Verzweiflung", der "alles noch viel schlimmer" mache. Auch die "Scheinreferenden" in den besetzten ukrainischen Gebieten würden als Rechtfertigung für das russische Vorgehen in der Ukraine "niemals akzeptiert werden", sagte Scholz am 21. September am Rande der UN-Vollversammlung in New York.

Kommunalversorger suspendiert Geschäftsführer, der für den Kreml "Wahlbeobachter" spielte

Der Aufsichsrat des Kommunalversorgers Energie Waldeck-Frankenberg hat dessen Geschäftsführer Stefan Schaller am 21. September in einer Sondersitzung einstimmig mit sofortiger Wirkung von allen Aufgaben entbunden, weil er sich als "Wahlbeobachter" für das vom Kreml inszenierte Scheinreferendum in der Ukraine zur Verfügung gestellt hatte. Damit habe der Geschäftsführer ganz klar gegen die moralischen Grundsätze des Unternehmens verstoßen, das Völkerrechtsverstöße und jegliche Form von Gewalt entschieden ablehne, erklärte der Landrat und Aufsichtsratsvorsitzende Jürgen van der Horst.

Anschläge auf Ostsee-Pipelines passen zu Putins Politik der verbrannten Erde

Welche neuen Verwerfungen sich aus der gefährlichen Schwäche des Kreml-Diktators auch für die Energiewirtschaft ergeben können, signalisieren die Sabotage-Anschläge auf die beiden Ostsee-Pipelines, die am 26. September durch Unterwasser-Sprengsätze schwer beschädigt wurden (220902). Nach Sachlage sprechen alle Indizien mit hoher Wahrscheinlichkeit für den Kreml als Urheber, da dieser über die besten technischen Voraussetzungen für einen solchen Anschlag verfügt und bei den erst kürzlich erfolgten Wartungsarbeiten an Nord Stream 1 auch unauffällig Zugang zu beiden Strängen hatte, die mit jeweils zwei Leitungen fast parallel auf dem Grund der Ostsee verlegt wurden. Daß er dabei eigenen Besitz beschädigte, widerspricht dem Verdacht nicht, da er sich von seinem in vielen Jahren aufgebauten westeuropäischen Besitzstand inzwischen keinen großen Nutzen mehr verspricht und deshalb schon seit längerem eine Politik der verbrannten Erde betreibt. Typisch dafür war schon, wie er im April die Gazprom Germania mit ihrem halben Hundert Töchtern klammheimlich zu liquidieren versuchte (220403). Außerdem hatte er durchaus ein Interesse daran, den Gaspreis wieder hochzutreiben, der am 26. August mit 346,5 Euro pro Megawattstunde seinen bisherigen Höchststand erreicht hatte, aber bis 26. September auf 173,8 Euro gefallen war. Tatsächlich gab der Anschlag dem TTF-Gaspreis sofort einen Kick von fast 50 Euro nach oben, obwohl sich materiell an der Gasversorgung nichts änderte. Bis Monatsende ging er aber wieder auf 188,8 Euro zurück.

Insofern wirkte der Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow nicht sonderlich überzeugend, als er den naheliegenden Verdacht als "ziemlich vorhersehbar und vorhersehbar dumm" zurückwies. Er argumentierte, dass das ausströmende Gas einen hohen Wert habe (obwohl die Gazprom inzwischen in genauso umweltschädlicher Weise große Gasmengen einfach abfackelt, da sie diese nicht mehr exportieren kann bzw. will). Ferner verliere Russland eine Möglichkeit zum Export von Gas nach Europa (die künftig ohnehin bedeutungslos sein würde) und habe viel Geld in die beiden Pipelines investiert (die jeweils zur Hälfte auch von westlichen Energiekonzernen finanziert wurden). Schließlich versuchte er, den Verdacht auf die USA zu lenken: Vor allem diese würden von dem Anschlag profitieren, indem sie teures Flüssiggas nach Europa liefern könnten (wobei die USA solche Nachhilfe gar nicht benötigen, weil sie dank Putin bereits bestens im Geschäft sind und die enorm gestiegene Nachfrage nicht einmal befriedigen zu können).

 

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